Krankenkassen beauftragen Dunkelfeldstudie zu Abrechnungsbetrug und sehen zweistellige Milliardenrisiken
Krankenkassen starten Dunkelfeldstudie zu Abrechnungsbetrug
Berlin – Deutschlands gesetzliche Krankenkassen haben einen eigenen Vorstoß begonnen, um die unbekannte Größe von Abrechnungsbetrug und Wirtschaftskriminalität im Gesundheitswesen zu ermitteln. Der GKV-Spitzenverband hat Anfang Oktober eine Dunkelfeldstudie in Auftrag gegeben, mit dem Ziel, erstmals belastbare Zahlen zum Ausmaß der Fehlverhalten zu liefern und konkrete Gegenmaßnahmen vorzuschlagen.
Dr. Martin Krasney, Vorstand des GKV-Spitzenverbands, erklärte, man wolle wissen, wie hoch die Schäden durch Fehlverhalten tatsächlich sind. Internationale Analysen legten nahe, dass das Dunkelfeld bei fünf bis zehn Prozent der Leistungsausgaben liegen könne. Hochgerechnet auf die jährlichen Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung ergäben sich damit mögliche Schäden im zweistelligen Milliardenbereich.
Warum eine neue Untersuchung nötig ist
Bisherige Erkenntnisse beruhen überwiegend auf dem sogenannten Hellfeld: Fälle, die durch Kontrollen und Ermittlungen offenkundig werden. Krasney weist darauf hin, dass die bislang nachgewiesenen Schäden häufig in dreistelliger Millionenhöhe liegen, und dass die tatsächliche Dimension weit höher liegen könnte. Länderjustizministerinnen und -minister sowie Kriminalpolizeivertreter hatten den Bund bereits vor Jahren zu einer umfassenden Erhebung aufgefordert. Da eine staatliche Studie jedoch nicht in Auftrag gegeben wurde, habe der Verband nun eigenständig gehandelt.
Aufbau und Zielsetzung der Studie
Die Untersuchung wird von den Juristen Professor Dr. Kai Bussmann von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Professor Dr. Ralf Kölbel aus München geleitet. Geplant ist, die Studie bis April 2029 zu erstellen und neben einer Schadensschätzung auch Empfehlungen zur Prävention und Aufdeckung von Betrug vorzulegen. Dabei sollen neben klassischen Ermittlungsmethoden auch technische Verfahren wie Künstliche Intelligenz geprüft werden, um Auffälligkeiten bei Abrechnungen künftig schneller identifizieren zu können.
Internationale Vergleichswerte und Kritik
Als Referenz zieht der Verband unter anderem ein britisches Forscherteam heran, das seit Ende der 1990er Jahre Daten zu Betrugskosten im Gesundheitswesen sammelt. Überträgt man deren Schätzungen auf Deutschland, könnte das jährliche Volumen der Betrugsschäden deutlich in den Milliarden liegen. Kritiker, darunter Ärzteverbände, hatten in der Vergangenheit vor einer möglichen Übertreibung von Schadensschätzungen gewarnt und eine sorgfältige Methodik gefordert. Der Kassenverband betont, die Studie solle belastbare Zahlen liefern, die Grundlage für politische Entscheidungen sein können.
Was das für Beitragszahler und Versorgung bedeutet
Nach Einschätzung der Kassen führen unentdeckte Fehlverhalten direkt zu Mindereinnahmen für die Versorgungssysteme. Dr. Krasney mahnt, veruntreute Mittel fehlten dort, wo sie für Versorgung und Pflege gebraucht würden. Langfristig streben die Kassen daher nicht nur Aufklärung, sondern auch wirksamere Kontrollmechanismen an, um Vertrauen und Ressourcen im Gesundheitssystem zu sichern.
Die Ergebnisse der Studie dürften Debatten über Ressourcen, Kontrollen und den Einsatz digitaler Werkzeuge im Gesundheitswesen neu anfachen. Erwartet wird, dass die Untersuchung nicht nur das Ausmaß des Problems quantifiziert, sondern auch konkrete Vorschläge zur Prävention und Strafverfolgung unterbreitet.