KI im Gesundheitswesen: Vom Produktdenken zum Prozesswandel
Die Einführung von KI braucht Prozessdenken statt Produktfokus
Berlin – Auf dem Digital Health Innovation Forum des Hasso Plattner Instituts in Potsdam diskutierten Expertinnen und Experten, wie Künstliche Intelligenz nachhaltig in die Gesundheitsversorgung integriert werden kann. Die zentrale Erkenntnis: Zu häufig dominiert beim Rollout von KI-Lösungen ein Produktblick, statt die zugrundeliegenden Arbeitsabläufe und Netzwerke systematisch zu gestalten.
Investoren wie Alexandre Momeni vom General Catalyst warnten davor, digitale Werkzeuge voreilig europaweit zu skalieren. Entscheidend sei es, lokale Strukturen und Vertrauen aufzubauen, da dies in Gesundheitssystemen mit solidarischer Finanzierung Jahre dauern könne. Bei Krankenkassen und anderen Kostenträgern spiele zudem die Risikoscheu eine große Rolle; Innovationen würden nicht belohnt, wenn sie Unsicherheit erzeugen.
Marek Rydzewski von der AOK Nordost schilderte interne Vorbehalte aus eigener Erfahrung: Diskussionen drehten sich oftmals weniger um die sinnvolle Einbettung neuer Anwendungen als um mögliche Fehlerfolgen. Dieser Fokus verhindere, dass Prozesse so gestaltet werden, dass Fehler reduziert und der Nutzen maximiert wird.
Wissenschaftler forderten deshalb eine stärkere Ausrichtung auf reale Prozesse: Bjoern Eskofier von der LMU betonte, KI-Anwendungen müssten Probleme der Versorgung lösen und dürften nicht durch externe Tech-Paradigmen das System umbauen. Vishnu Ravi von der Stanford School of Medicine ergänzte, dass aktuelle Messverfahren für klinische KI unzureichend seien. Viele Benchmarks reproduzierten Multiple-Choice-Situationen und würden klinische Realität nicht abbilden. Schulung im Umgang mit Modellen und eine arbeitsablauforientierte Gestaltung der Systeme seien notwendig, um Automation Bias und andere Fehlerquellen zu vermeiden.
In der Schlussfolgerung des Forums stand die Forderung, KI als Hebel für einen grundlegenden Systemwandel zu begreifen: Es gehe nicht primär um Profit, sondern um die Neuausrichtung von Versorgungspfaden, etwa zugunsten einer stärker ausgeprägten Primärversorgung. Damit dies gelingt, müsse der Fokus weg vom einzelnen Produkt hin zu den Prozessen, Netzwerken und der Messbarkeit des tatsächlichen Nutzens verschoben werden.
- Netzwerke und Vertrauen als Voraussetzung für Skalierung
- Kostenträger als kritische, aber veränderbare Hürde
- Notwendigkeit realistischer Messverfahren und Ausbildung im Umgang mit KI
- Gestaltung von Anwendungen entlang bestehender Arbeitsabläufe

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