Wenig Fehltage können ein Alarmsignal für toxisches Betriebsklima sein
Geringe Fehlzeiten sind nicht automatisch ein Qualitätsmerkmal
Wenig Krankmeldungen gelten in vielen Betrieben als Zeichen guter Führung und hoher Leistungsbereitschaft. Neue Befunde der Zürcher Hochschule für Angewandten Wissenschaften (ZHAW) zeichnen jedoch ein differenziertes Bild: In Teams mit schlechterer Führungsbewertung sind die offiziellen Krankheitstage deutlich geringer – ein mögliches Indiz für verstecktes Präsentismusverhalten.
Präsentismus bedeutet, krank oder psychisch belastet zur Arbeit zu gehen. Kurzfristig bleibt der Betrieb so stabil, langfristig steigen jedoch die Risiken: Erschöpfung, verlängerte Ausfallzeiten und Burnout. Mitarbeitende, die trotz Beschwerden weiterarbeiten, gefährden nicht nur ihre Genesung, sondern auf Dauer auch die Leistungsfähigkeit ganzer Teams.
Ursachen und Folgen
Die ZHAW-Analyse, durchgeführt im Bereich Spitex und Pflege, zeigt typische Motive für Präsentismus: Angst vor negativen Konsequenzen, Loyalität gegenüber dem Team und direkte oder subtile Führungssignale, Krankheit nicht als legitimen Grund für Abwesenheit zu akzeptieren. Forschung spricht dabei auch von Krankheitsscham.
Parallel liefert eine Auswertung von Swica und dem Kompetenzzentrum Work Med eine dramatische Zahl: Rund 57 Prozent aller psychisch bedingten Arbeitsunfähigkeiten stehen in Zusammenhang mit Konflikten am Arbeitsplatz. Solche Diagnosen dauern im Mittel sehr lange – psychische Krankschreibungen halten im Schnitt rund 218 Tage an und führen in etwa der Hälfte der Fälle zum Verlust des Arbeitsplatzes.
Gesellschaftliche Dimension und Kosten
In der Schweiz sind gesundheitsbedingte Absenzen zwischen 2010 und 2024 um mehr als ein Drittel gestiegen, von 6,3 auf 8,5 Tage pro Vollzeitstelle. Ökonomisch entspricht das jährlichen Kosten von rund 12 Milliarden Franken. Ein weiterer Treiber ist der deutliche Anstieg psychischer Erkrankungen in den letzten Jahren, mit einem Zuwachs bei Diagnosen wie Depression und Erschöpfung.
Was Unternehmen tun sollten
- Führungskräfte müssen Krankheit als legitimen Grund für Abwesenheit klar kommunizieren und vorleben.
- Frühzeitige, niedrigschwellige Unterstützung für belastete Mitarbeitende anbieten, inklusiv Zugang zu Beratung und medizinischer Hilfe.
- Konfliktlösungsmechanismen stärken und psychische Belastungen systematisch sichtbar machen, statt sie zu tabuisieren.
- Arbeitsbelastungen überprüfen und die Personalplanung so gestalten, dass Ausfälle nicht zu zusätzlichem Druck auf verbleibende Mitarbeitende führen.
Die Ergebnisse der Studien mahnen, Fehlzeiten nicht nur als Kostenfaktor zu betrachten. Wenn Kranksein noch immer als Schwäche gilt, entsteht eine Atmosphäre, in der Präsenzkultur die Gesundheit aushöhlt. Unternehmen, die das erkennen und behandeln, schützen ihre Belegschaft und langfristig auch ihre Produktivität.
Zürich

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